Neues Heft „Provenienz & Forschung“ zu Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten erschienen

Das Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te hat ei­ne neue Aus­ga­be des Pe­ri­odi­kums „Pro­ve­ni­enz & For­schung“ ver­öf­fent­licht. In Heft 2/2020 geht es um Kul­tur- und Samm­lungs­gut aus ko­lo­nia­len Kon­tex­ten.

Zum In­halt:

Die Auf­ar­bei­tung des Ko­lo­nia­lis­mus ist seit 2018 ein er­klär­tes Ziel der deut­schen Kul­tur­po­li­tik. In die­sem Sin­ne wur­de der Auf­ga­ben­be­reich des Deut­schen Zen­trums Kul­tur­gut­ver­lus­te um ei­nen neu­en Fach­be­reich er­wei­tert und seit 2019 mit der För­de­rung von Pro­jek­ten im Be­reich der Pro­ve­ni­enz­for­schung zu »Kul­tur- und Samm­lungs­gut aus ko­lo­nia­len Kon­tex­ten« be­gon­nen. Die­ses Heft bie­tet ei­nen ers­ten Ein­blick in ak­tu­el­le For­schungs­per­spek­ti­ven und stellt zen­tra­le Ak­teu­re der po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen De­bat­te vor.

Heft 2/2020

„VEB Kunst“ – eine Tagung zum Kulturgutentzug in der DDR

30.11.2020

30 Jah­re nach der Deut­schen Ein­heit ist die DDR zwar Ver­gan­gen­heit, doch die Auf­ar­bei­tung ih­rer Ge­schich­te ist noch lan­ge nicht ab­ge­schlos­sen. Das Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te be­leuch­tet mit der di­gi­ta­len Kon­fe­renz „VEB Kunst – Kul­tur­gut­ent­zug und Han­del in der DDR“ am 30. No­vem­ber 2020 ein Feld in der Pro­ve­ni­enz­for­schung, das öf­fent­lich bis­lang noch we­nig dis­ku­tiert wird: den Bin­nen- und Au­ßen­han­del mit Kunst und An­ti­qui­tä­ten auf dem Ge­biet der ehe­ma­li­gen DDR zwi­schen 1945 und 1990.

Pres­se­mit­tei­lung

KOMPLIZENSCHAFT – Die Sammeltätigkeit von „Kunst“ und Stadt Emden während der NS-Zeit im Fokus der Provenienzforschung.

Emden im Nationalsozialismus: Stadtverwaltung, Finanzamt, Gestapo u.a., aber auch die Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer (die „Kunst“) tragen das autoritäre System. Hinzu kommen nicht zuletzt viele Bürgerinnen und Bürger Emdens, die plötzlich nicht mehr fähig sind, Recht und Unrecht zu unterscheiden. Jüdischen Bürgerinnen und Bürgern sowie anderen Verfolgten des NS-Terrors wird alles von Wert genommen. So genannte „Judenauktionen“ und Lager für „Hollandgut“ sind die Hauptumschlagplätze für das so geraubte Kulturgut. Die Stadt Emden und die „Kunst“ ergänzen sich im Eifer, dieses Kulturgut zu „sichern“. Zeugnisse dieser Untaten befinden sich auch heute noch in den Beständen des Ostfriesischen Landesmuseums Emden.

Die Ausstellung berichtet aus der Perspektive der Provenienzforschung vom Sammeln geraubten Kulturguts und den Menschen, die damit in Verbindung standen. Sie zeigt die Spuren des Verbrechens, stellt wichtige zeitgenössische Akteurinnen und Akteure vor und macht Strukturen und Prozesse der Beraubung transparent.
Ermöglicht wurde diese umfassende Forschungsarbeit durch die Förderung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste für ein Projekt zur wissenschaftlichen Untersuchung der Herkunftsgeschichte der Bestände des Ostfriesischen Landesmuseums Emden aus der NS-Zeit. Beide Träger des Museums – Stadt Emden und „1820dieKUNST“ – stellen sich aktiv der historischen Verantwortung, die aus den Forschungsergebnissen erwächst und unterstützen das Projekt in vollem Umfang.

Die Ausstellung wird am 26.11.2020 um 19 Uhr digital eröffnet.

Über einen Live-Stream auf Facebook, Twitter und auf der Homepage des Ostfriesischen Landesmuseum Emden kann jeder an der Eröffnung teilnehmen. Es wird u. a. Beiträge von Oberbürgermeister Tim Kruithoff geben sowie dem Vorsitzenden von 1820dieKUNST, Dr. Reinhold Kolck.  Kurator und Provenienzforscher Georg Kö führt durch die Ausstellung.

Am 29.11. um 11:30 Uhr findet zudem eine weitere digitale Führung durch die Sonderausstellung statt.

Netzwerk für nachhaltige Forschungsstrukturen im Bereich koloniale Kontexte gegründet

24.11.2020

Ak­teur:in­nen aus rund 30 kul­tu­rel­len und wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tu­tio­nen und Ar­beits­grup­pen ha­ben am Mon­tag, 23. No­vem­ber 2020, ei­ne Ko­ope­ra­ti­on für den Auf­bau nach­hal­ti­ger For­schungs­struk­tu­ren zur Be­ar­bei­tung von Samm­lun­gen und Be­stän­den aus ko­lo­nia­len Kon­tex­ten ins Le­ben ge­ru­fen.

Bei ei­nem DFG-Rund­ge­spräch, or­ga­ni­siert von der Ar­beits­grup­pe Ko­lo­nia­le Pro­ve­ni­en­zen des Ar­beits­krei­ses Pro­ve­ni­enz­for­schung e.V., dem Deut­schen Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te, den Fach­in­for­ma­ti­ons­diens­ten Afri­ka­stu­di­en und So­zi­al- und Kul­tu­ran­thro­po­lo­gie so­wie der Ko­or­di­nie­rungs­stel­le für wis­sen­schaft­li­che Uni­ver­si­täts­samm­lun­gen in Deutsch­land an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät Ber­lin, hat­ten die Teil­neh­mer:in­nen zu­vor ei­nen Tag lang ge­mein­sa­me Stra­te­gi­en dis­ku­tiert. Da­bei wur­den Syn­er­gie­ef­fek­te und Mög­lich­kei­ten für den Zu­gang zu Da­ten so­wie für ge­mein­sa­me Fol­ge­schrit­te er­ör­tert. Haupt­an­lie­gen war es, Ak­teur:in­nen ins Ge­spräch mit­ein­an­der zu brin­gen, die di­gi­ta­le Zu­gän­ge zu re­le­van­ten For­schungs­da­ten zur Ko­lo­ni­al­zeit be­nö­ti­gen oder schaf­fen bzw. nach­hal­tig ge­währ­leis­ten. Au­ßer­dem will man zur bes­se­ren Ko­or­di­na­ti­on und Ver­net­zung von Pro­jek­ten in den ver­schie­de­nen fach­li­chen wie in­sti­tu­tio­nel­len Fel­dern bei­tra­gen und Be­dar­fe der Ak­teur:in­nen er­mit­teln.

Über al­le fach­li­chen und in­sti­tu­tio­nel­len Gren­zen hin­weg wur­den als wich­tigs­te Her­aus­for­de­run­gen dis­ku­tiert, wie In­sel­lö­sun­gen ver­mie­den wer­den kön­nen, Nach­hal­tig­keit ver­bes­sert und ein re­spekt­vol­ler Um­gang mit sen­si­blen Da­ten bei gleich­zei­ti­ger Trans­pa­renz ge­währ­leis­tet wer­den kann. Dar­über hin­aus sind es wich­ti­ge An­lie­gen, sich über Stan­dards zu ver­stän­di­gen und in­ter­na­tio­na­le Ko­ope­ra­tio­nen bes­ser in der Pro­jekt­pla­nung zu ver­an­kern. Bei ei­nem Fol­ge­tref­fen im Fe­bru­ar 2021 sol­len wei­te­re kon­kre­te Schrit­te be­spro­chen wer­den: die Grün­dung ei­ner Ar­beits­grup­pe zur Be­schäf­ti­gung mit The­sau­ri und nor­mier­ten Da­ten, die Vor­be­rei­tung ei­nes Work­shops mit Mo­dell­cha­rak­ter für in­ter­na­tio­na­le Zu­sam­men­ar­beit so­wie die Vers­te­ti­gung des Netz­wer­kes.

Un­ter den Teil­neh­mer:in­nen des Ge­sprächs wa­ren ne­ben Mit­glie­dern der ein­la­den­den Ar­beits­grup­pen und In­sti­tu­tio­nen auch Ver­tre­ter:in­nen von Bi­blio­the­ken, Ar­chi­ven, Mu­se­en und Samm­lun­gen, For­schungs­för­de­rungs- und -in­fra­struk­tur­in­sti­tu­tio­nen, so­wie Pro­ve­ni­enz­for­scher:in­nen und Wis­sen­schaft­ler:in­nen u.a. aus Eth­no­lo­gie, Ge­schichts-, Po­li­tik- und Kunst­wis­sen­schaft, die sich mit Ex­pert:in­nen für Di­gi­ta­li­sie­rung in Wis­sen­schaft und Kul­tur aus­tausch­ten.

Herbstkonferenz des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste am 30.11.2020 findet per WebEx-Videokonferenz statt

30.10.2020

Das Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te wid­met sich seit sei­ner Grün­dung 2015 auch den Kul­tur­gut­ent­zie­hun­gen in der So­wje­ti­schen Be­sat­zungs­zo­ne (SBZ) und in der DDR. 2016 be­fass­te sich be­reits ei­ne Herbst­kon­fe­renz mit die­sem The­ma; 2017 be­schloss dann der Stif­tungs­rat des Zen­trums,Grund­la­gen­for­schung in die­sem Be­reich zu er­mög­li­chen. 30 Jah­re nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung ist es nun an der Zeit, bis­her Er­reich­tes zu bi­lan­zie­ren, Mach­ba­res aus­zu­lo­ten und nächs­te Zie­le zu for­mu­lie­ren. Mit der dies­jäh­ri­gen Herbst­kon­fe­renz “‘VEB Kunst’ – Kul­tur­gut­ent­zug und Han­del in der DDR” möch­te das Zen­trum die Ge­le­gen­heit da­zu bie­ten.

Die Kon­fe­renz­bei­trä­ge rich­ten den Blick haupt­säch­lich auf den Bin­nen- und Au­ßen­han­del der DDR mit Kunst und An­ti­qui­tä­ten. Da­bei in­ter­es­siert des­sen Wech­sel­wir­kung mit der staat­li­chen Mu­se­umspo­li­tik eben­so wie sei­ne Über­la­ge­rung mit Un­rechts­kon­tex­ten und sei­ne in­ter­na­tio­na­le Reich­wei­te.

Die Kon­fe­renz wird vor dem Hin­ter­grund der Co­ro­na-Pan­de­mie oh­ne Prä­senz-Pu­bli­kum statt­fin­den und nur di­gi­tal über­tra­gen. Auf­grund des der­zei­ti­gen Lock-Downs kön­nen die Re­fe­rent:in­nen nicht wie ge­plant nach Hal­le/Saa­le kom­men, ein Stream ist da­durch nicht mehr mög­lich. Die Kon­fe­renz wird statt­des­sen mit Cis­co WebEx durch­ge­führt, auf­ge­zeich­net und im An­schluss – je nach tech­ni­scher Qua­li­tät – im Be­reich Ver­an­stal­tungs­do­ku­men­ta­ti­on nach­ge­hal­ten. Bit­te be­ach­ten Sie, dass ei­ne An­mel­dung er­for­der­lich ist, da­mit Sie die not­wen­di­gen Zu­gangs­da­ten er­hal­ten. Ih­re An­mel­dung wird be­stä­tigt. In­ter­es­sier­te, die sich be­reits an­ge­mel­det ha­ben, wer­den be­nach­rich­tig. Die be­reits er­folg­ten An­mel­dun­gen ge­hen nicht ver­lo­ren.

Bit­te mel­den Sie sich vor­her an. An­mel­de­frist: 20. No­vem­ber 2020.

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen – auch zur Po­di­ums­dis­kus­si­on am 29. No­vem­ber 2020 – kön­nen dem bei­ge­füg­ten Flyer ent­nom­men wer­den.

Deut­sches Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te
Jo­se­fi­ne Han­nig
An­sprech­part­ne­rin Ver­an­stal­tungs­ma­na­ge­ment
Hum­boldt­stra­ße 12
39112 Mag­de­burg
Te­le­fon+49 (0) 391 727 763 23
Te­le­fax+49 (0)391 727 763 6
E-Mailjo­se­fi­ne.han­nig@kul­tur­gut­ver­lus­te.de

Deutsches Zentrum Kulturgutverluste bewilligt in der zweiten Antragsrunde 2020 mehr als eine Million Euro für acht Forschungsprojekte im Bereich koloniale Kontexte

Jahr­hun­der­te­lang ha­ben eu­ro­päi­sche Mi­li­tärs, Wis­sen­schaft­ler und Kauf­leu­te Kul­tur- und All­tags­ob­jek­te, aber auch mensch­li­che Über­res­te aus den da­ma­li­gen Ko­lo­ni­en in ih­re Hei­mat­län­der ver­bracht. So kommt es, dass sich bis heu­te chi­ne­si­sche Bud­dha-Fi­gu­ren in Ost­fries­land be­fin­den und Schä­del aus In­do­ne­si­en im thü­rin­gi­schen Go­tha auf­be­wahrt wer­den. Wie sie in deut­sche In­sti­tu­tio­nen ge­lan­gen konn­ten, ob sie ge­kauft, ge­tauscht oder ge­raubt wur­den, das wird in­zwi­schen auch hier­zu­lan­de kri­tisch hin­ter­fragt.

Um die Her­kunft von Be­stän­den aus ko­lo­nia­len Kon­tex­ten zu klä­ren, hat nun der Vor­stand des Deut­schen Zen­trums Kul­tur­gut­ver­lus­te in Mag­de­burg auf Emp­feh­lung sei­nes För­der­bei­rats in der zwei­ten An­trags­run­de 2020 acht For­schungs­an­trä­gen von Mu­se­en und Uni­ver­si­tä­ten zu­ge­stimmt und da­für ins­ge­samt 1.067.780,00 Eu­ro För­der­geld be­wil­ligt. Sechs Pro­jek­te wur­den neu be­an­tragt, zwei be­reits lau­fen­de wer­den ver­län­gert.

Erst­mals rückt da­bei mit Chi­na ei­ne Re­gi­on in den Fo­kus, die in der De­bat­te bis­lang we­ni­ger Be­ach­tung fand. Vier Ein­rich­tun­gen in Ost­fries­land – das Deut­sche Siel­ha­fen­mu­se­um Ca­ro­li­nen­siel, die Na­tur­for­schen­de Ge­sell­schaft zu Em­den, das Ost­frie­si­sche Tee­mu­se­um Nor­den und das Fehn- und Schif­fahrts­mu­se­um Westrhau­der­fehn – un­ter­su­chen in Ko­ope­ra­ti­on mit chi­ne­si­schen Wis­sen­schaft­ler:in­nen die ko­lo­nia­len Kon­tex­te von Ob­jek­ten und Kon­vo­lu­ten aus der ehe­ma­li­gen deut­schen Ko­lo­nie in Chi­na. Das Pro­jekt zeigt, dass sich auch Re­gio­nal­mu­se­en in der Pro­ve­ni­enz­for­schung en­ga­gie­ren kön­nen.

Ver­tre­ter:in­nen aus den je­wei­li­gen Her­kunfts­re­gio­nen sind auch an an­de­ren For­schungs­vor­ha­ben be­tei­ligt. Die Stif­tung Schloss Frie­den­stein Go­tha wird mit Ex­pert:in­nen aus In­do­ne­si­en zu­sam­men­ar­bei­ten, um die Her­kunft von 30 mensch­li­chen Schä­deln auf­zu­klä­ren. Das Deut­sche Schiff­fahrts­mu­se­um ko­ope­riert mit der Re­gi­on Ozea­ni­en für sein Grund­la­gen­pro­jekt zur Ge­schich­te des Nord­deut­schen Lloyd. Das Schiff­fahrts­un­ter­neh­men avan­cier­te bis 1890 zu ei­ner der größ­ten Ree­de­rei­en der Welt und be­för­der­te nicht nur Ob­jek­te aus al­ler Welt in eu­ro­päi­sche Hä­fen, son­dern auch Trup­pen zum „Bo­xer-Krieg“ in Chi­na.

Ei­nen bis­her we­nig er­forsch­ten As­pekt bringt das Mu­se­um – Na­tu­ra­li­en­ka­bi­nett Wal­den­burg ein: Die dort be­her­berg­ten 150 eth­no­gra­fi­schen Ob­jek­te sind ver­mut­lich zum Groß­teil von Missio­nar:in­nen in den deut­schen Ko­lo­ni­al­ge­bie­ten ge­sam­melt wor­den und gin­gen als Dank für die Un­ter­stüt­zung der Missi­on an das Fürs­ten­haus Schön­burg-Wal­den­burg. Die Mit­te des 19. Jahr­hun­derts von Fürst Schön­burg-Wal­den­burg ge­grün­de­te Schau­samm­lung ist ei­nes der letz­ten eu­ro­päi­schen Ku­rio­si­tä­ten- und Na­tu­ra­li­en­ka­bi­net­te: Sol­che Ka­bi­net­te gel­ten als Vor­läu­fer der eth­no­lo­gi­schen Mu­se­en.

Das Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te in Mag­de­burg ist na­tio­nal und in­ter­na­tio­nal der zen­tra­le An­sprech­part­ner zu al­len Fra­gen un­recht­mä­ßig ent­zo­ge­nen Kul­tur­gu­tes. Seit Ja­nu­ar 2019, als das Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te auf­grund ei­nes För­der­man­dats des Stif­tungs­rats um ei­nen Fach­be­reich für ko­lo­nia­le Kon­tex­te er­wei­tert wur­de, ist es mög­lich, die För­de­rung von Pro­jek­ten zu be­an­tra­gen, die sich mit Kul­tur- und Samm­lungs­gut aus ko­lo­nia­len Kon­tex­ten be­fas­sen.

An­trä­ge für län­ger­fris­ti­ge Pro­jek­te kön­nen je­weils zum 1. Ja­nu­ar und 1. Ju­ni ei­nes Jah­res ein­ge­reicht wer­den. An­trags­be­rech­tigt sind al­le Ein­rich­tun­gen in Deutsch­land in öf­fent­lich-recht­li­cher Trä­ger­schaft, die Kul­tur­gut aus ko­lo­nia­len Kon­tex­ten sam­meln, be­wah­ren oder er­for­schen. Da­zu zäh­len Mu­se­en, Uni­ver­si­tä­ten und an­de­re For­schungs­ein­rich­tun­gen.

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen zu den För­der­mög­lich­kei­ten un­ter: www.kul­tur­gut­ver­lus­te.de

Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg restituiert Lavabokessel aus dem 16. Jahrhundert

Nach eingehendenden Provenienzrecherchen konnte das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg einen Lavabokessel aus dem 16. Jahrhundert, der 1934 in die Sammlung des Museums gelangt war, an den rechtmäßigen Erben restituieren.

Der Verkauf des mittelalterlichen Gefäßes durch Bertha Goldschmidt, die einer bekannten jüdischen Familie aus Oldenburg angehörte, hatte einen NS-verfolgungsbedingten Hintergrund. Familie Goldschmidt war bereits ab März 1932 Repressalien und Übergriffen durch nationalsozialistische Funktionsträger ausgesetzt und musste ihr Haus weit unter Wert verkaufen. Die durch Verfolgung und Ausgrenzung zunehmende wirtschaftliche Not zwang die Familie zwischen 1932 und 1939 zu vier Umzügen und zum Verkauf eines Großteils ihres Hausstands. Bertha Goldschmidt gelang 1939 die Emigration nach England; ihre Eltern, Alex und Toni Goldschmidt, wurden in Auschwitz und Riga ermordet. Die Unrechtmäßigkeit des Erwerbs wird auch durch den auffallend niedrigen Verkaufspreis von 20 Reichsmark (in etwa 80 Euro) deutlich.

Dr. Marcus Kenzler, seit 2011 Provenienzforscher am Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, konnte den nächsten Verwandten der Familie Goldschmidt und somit den rechtmäßigen Erben des Lavabokessels in den USA ausfindig machen. „Ich freue mich sehr, dass wir Martin Goldsmith den Lavabokessel aus dem Eigentum seiner Großeltern zurückgeben können“, so Kenzler. „Die erschütternde Geschichte seiner Familie zeigt, dass es auch vor 1933 schon NS-verfolgungsbedingte Verluste von jüdischem Eigentum gab. Damit wird ein neues Kapitel in der Provenienzforschung geschrieben.“

Martin Goldsmith ist in den USA ein bekannter Radiomoderator und Musikkritiker der Washington Post. Er findet anerkennende Worte für die Forschung des Landesmuseums: „Though born decades after the NS Zeit, you have not shirked from the responsibility of facing up to the horrors of those years but rather have done what you can to try to balance the scales of justice, impossible though that task may ultimately be. I can assure you that it shall occupy a place of honor in my household.“

Das bewegende Schicksal seiner Familie wurde kürzlich in dem Spielfilm Winterreise (2019) aufgearbeitet. Der Film basiert auf Gesprächen zwischen Martin Goldsmith und seinem Vater, dem aus Oldenburg stammenden Flötisten Günther Goldschmidt, im Film verkörpert von Bruno Ganz.

 

Direktor
Prof. Dr. Rainer Stamm

Provenienzforschung
Dr. Marcus Kenzler
Telefon 0441 40570 407

Deutsches Zentrum Kulturgutverluste lädt zur Herbstkonferenz 2020

Das Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te wid­met sich seit sei­ner Grün­dung 2015 auch den Kul­tur­gut­ent­zie­hun­gen in der So­wje­ti­schen Be­sat­zungs­zo­ne (SBZ) und in der DDR. 2016 be­fass­te sich be­reits ei­ne Herbst­kon­fe­renz mit die­sem The­ma; 2017 be­schloss dann der Stif­tungs­rat des Zen­trums, Grund­la­gen­for­schung in die­sem Be­reich zu er­mög­li­chen. 30 Jah­re nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung ist es nun an der Zeit, bis­her Er­reich­tes zu bi­lan­zie­ren, Mach­ba­res aus­zu­lo­ten und nächs­te Zie­le zu for­mu­lie­ren. Mit der dies­jäh­ri­gen Herbst­kon­fe­renz am 30. No­vem­ber 2020 möch­te das Zen­trum die Ge­le­gen­heit da­zu bie­ten. Die Kon­fe­renz­bei­trä­ge rich­ten den Blick haupt­säch­lich auf den Bin­nen- und Au­ßen­han­del der DDR mit Kunst und An­ti­qui­tä­ten. Da­bei in­ter­es­siert des­sen Wech­sel­wir­kung mit der staat­li­chen Mu­se­umspo­li­tik eben­so wie sei­ne Über­la­ge­rung mit Un­rechts­kon­tex­ten und sei­ne in­ter­na­tio­na­le Reich­wei­te.

Die Kon­fe­renz wird vor dem Hin­ter­grund der Co­ro­na-Pan­de­mie oh­ne Prä­senz-Pu­bli­kum statt­fin­den und nur di­gi­tal über­tra­gen (li­ve auf www.kul­tur­gut­ver­lus­te.de und auf dem You­Tu­be-Ka­nal: Kul­tur­gut­ver­lus­te/ Ger­man Lost Art Foun­da­ti­on). Sie wird zu­dem auf der Web­si­te des Zen­trums im Be­reich Ver­an­stal­tungs­do­ku­men­ta­ti­on nach­ge­hal­ten.

Bit­te mel­den Sie sich vor­her an. An­mel­de­frist: 20. No­vem­ber 2020.

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen zur Kon­fe­renz “‘VEB Kunst’ – Kul­tur­gut­ent­zug und Han­del in der DDR” am 30. No­vem­ber 2020

Am Abend vor der Kon­fe­renz geht ei­ne Po­di­ums­dis­kus­si­on der Fra­ge nach, wo wir der­zeit mit der his­to­ri­schen, ju­ris­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen Auf­ar­bei­tung des Kul­tur­gut­ent­zugs in der DDR ste­hen. Ist Rechts­frie­den ge­schaf­fen oder sind Chan­cen ver­passt wor­den? Ist mit der Be­ar­bei­tung von Rück­über­tra­gungs­an­trä­gen ab 1990 nun­mehr ein Punkt er­reicht, strit­ti­ge Fäl­le als er­le­digt zu be­trach­ten und al­les zu den Ak­ten zu le­gen? Bleibt die Be­schäf­ti­gung mit pri­va­ten Kul­tur­gut­ver­lus­ten in SBZ und DDR künf­tig rein aka­de­mi­sche For­schung? Oder hat der Ge­ne­ra­tio­nen­wech­sel in Mu­se­en, Bi­blio­the­ken, Ar­chi­ven und öf­fent­li­chen Ver­wal­tun­gen ei­nen ganz neu­en Im­puls zur Auf­ar­bei­tung mit sich ge­bracht? Was könn­te und was soll­te als Auf­ga­be vor uns lie­gen? Als Me­di­en­part­ner fun­giert der Mit­tel­deut­sche Rund­funk. Er über­trägt die Po­di­ums­dis­kus­si­on am 1. De­zem­ber 2020 in der Sen­dung MDR KUL­TUR-Werk­statt. Sie kann an­schlie­ßend für ein Jahr in der ARD Me­dia­thek ab­ge­ru­fen wer­den.

An der Dis­kus­si­on neh­men teil Ul­ri­ke Lo­renz (Prä­si­den­tin der Klas­sik Stif­tung Wei­mar), Ro­land Jahn (Bun­des­be­auf­trag­ter für die Un­ter­la­gen des Staats­si­cher­heits­diens­tes der ehe­ma­li­gen Deut­schen De­mo­kra­ti­schen Re­pu­blik), Ulf Bi­schof (Rechts­an­walt) und Uwe Hart­mann (Lei­ter des Fach­be­reichs Pro­ve­ni­enz­for­schung beim Deut­schen Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te).

Die Po­di­ums­dis­kus­si­on ist öf­fent­lich. Auf­grund der sehr be­grenz­ten Platz­zahl und der der­zei­ti­gen Si­tua­ti­on im Hin­blick auf die Co­ro­na-Pan­de­mie ist die Teil­nah­me je­doch nur nach vor­he­ri­ger An­mel­dung mög­lich. Ei­ne Teil­nah­me oh­ne vor­he­ri­ge An­mel­dung ist aus­ge­schlos­sen!

An­mel­de­frist: 20. No­vem­ber 2020; Ih­re An­mel­dung wird be­stä­tigt. Mit dem Aus­druck die­ser Be­stä­ti­gung wei­sen Sie sich vor Ort aus.

In den öf­fent­li­chen Be­rei­chen (Gän­gen, Toi­let­ten) be­steht die Pflicht, ei­nen Mund-Na­sen-Schutz zu tra­gen! Ach­ten Sie auf aus­rei­chen­den Min­destab­stand. Bit­te be­ach­ten Sie, dass ei­ne Durch­füh­rung der Po­di­ums­dis­kus­si­on mit Pu­bli­kum wei­ter­hin nicht ga­ran­tiert wer­den kann.

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen zur Po­di­ums­dis­kus­si­on “Ent­eig­net, ent­zo­gen, ver­kauft: Zur Auf­ar­bei­tung der Kul­tur­gut­ver­lus­te in der DDR” am 29. No­vem­ber 2020

Pro­gramm der Po­di­ums­dis­kus­si­on und der Herbst­kon­fe­renz (PDF, 2 MB)

LWL zeigt Wanderausstellung zur Provenienzforschung

Das Mu­se­um­samt des Land­schafts­ver­bands West­fa­len-Lip­pe (LWL) hat in Ko­ope­ra­ti­on mit dem LVR-Fach­be­reich Re­gio­na­le Kul­tu­r­ar­beit ei­ne Aus­stel­lung zur Pro­ve­ni­enz­for­schung er­ar­bei­tet, die in ins­ge­samt acht Mu­se­en Nord­rhein-West­fa­lens ab Sep­tem­ber 2020 prä­sen­tiert wird.

Die Aus­stel­lung „Ge­schich­te der Din­ge. Zur Her­kunft von Ob­jek­ten in nord­rhein-west­fä­li­schen Samm­lun­gen“ wid­met sich in ins­ge­samt zehn Ka­pi­teln den un­ter­schied­li­chen Ent­zugs­kon­tex­ten (u.a. NS-ver­fol­gungs­be­ding­tem Ent­zug, Ko­lo­nia­lis­mus, DDR-Un­recht, Beu­te­kunst, il­le­ga­le Aus- bzw. Ein­fuhr), ver­schie­de­nen Ob­jekt­grup­pen (bspw. Ju­dai­ka) wie auch Ak­teu­ren und Struk­tu­ren.

Die Aus­stel­lung prä­sen­tiert 50 Leih­ga­ben aus Nord­rhein-West­fa­len, an­hand de­rer die Le­bens- und Er­werbs­ge­schich­ten dar­ge­stellt wer­den.

Ein Ka­ta­log, für den nam­haf­te Au­tor*in­nen ge­won­nen wer­den konn­ten, ver­tieft und er­wei­tert die The­men­be­rei­che und zeigt aus­ge­wähl­te Aus­stel­lungs­ob­jek­te. Dar­über hin­aus wur­de ein mu­se­umspäd­ago­gi­sches Be­gleit­pro­gramm für Er­wach­se­ne so­wie die Se­kun­dar­stu­fe II ent­wi­ckelt.

Zu­nächst wird die Aus­stel­lung ab dem 27.Sep­tem­ber im Kreis­mu­se­um We­wels­burg in Bü­ren zu se­hen sein, an­schlie­ßend im Jü­di­schen Mu­se­um West­fa­len. Sie en­det im Früh­jahr 2022 im Stadt­mu­se­um Düs­sel­dorf.

Wan­deraus­stel­lun­gen sind ein kos­ten­lo­ses Ser­vice­an­ge­bot der Ver­bän­de an die kom­mu­na­len Mu­se­en.

Hin­ter­grund:
In ei­nem Pro­jekt zur Pro­ve­ni­enz­for­schung in NRW nahm die LVR-Mu­se­ums­be­ra­tung fe­der­füh­rend zu­sam­men mit dem LWL-Mu­se­um­samt in den Jah­ren 2017 bis 2019 be­son­ders klei­ne­re und mit­tel­große Mu­se­en in den Blick. Ge­gen­stand des Pro­jek­tes war die Er­stel­lung ei­nes Kon­zep­tes zur Eta­blie­rung, Sys­te­ma­ti­sie­rung so­wie struk­tu­rel­len Ver­bes­se­rung der Pro­ve­ni­enz­for­schung an den Mu­se­en in Nord­rhein-West­fa­len. Die Pro­jek­t­er­geb­nis­se sind im Pro­jekt­ab­schluss­be­richt „Pro­ve­ni­enz­for­schung in NRW – In­for­ma­tio­nen und Emp­feh­lun­gen für ei­ne sys­te­ma­ti­sche, flä­chen­de­cken­de und nach­hal­ti­ge Pro­ve­ni­enz­for­schung“ pu­bli­ziert, an dem das Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te mit­ge­wirkt hat. Von Be­ginn an war ge­plant, im Rah­men ei­ner Wan­deraus­stel­lung nicht nur die Er­geb­nis­se die­ses Pro­jekts vor­zu­stel­len, son­dern auch nied­rig­schwel­lig und ob­jekt­ba­siert das The­ma Pro­ve­ni­enz­for­schung den Be­su­cher*in­nen na­he­zu­brin­gen.

Kolloquium Provenienzforschung: „Naturkundliche Objekte aus kolonialen Kontexten – Erste Ansätze für die Provenienzforschung zu den Sammlungen des Berliner Botanischen Gartens und Museums”

Das Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te lädt in Ko­ope­ra­ti­on mit CAR­MAH am 5. Ok­to­ber 2020 um 18 Uhr zum Kolloquium Provenienzforschung mit Kat­ja Kai­ser ein. Thema: „Naturkundliche Objekte aus kolonialen Kontexten – Erste Ansätze für die Provenienzforschung zu den Sammlungen des Berliner Botanischen Gartens und Museums”

Am Montag, dem 5. Oktober 2020, um 18 Uhr hält Katja Kaiser (ehem. Doktorandin am Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin) einen Vortrag zum Thema: „Naturkundliche Objekte aus kolonialen Kontexten – Erste Ansätze für die Provenienzforschung zu den Sammlungen des Berliner Botanischen Gartens und Museums“.
Vortragsabstract: In den Sammlungen des Berliner Botanischen Gartens und Museums befinden sich neben Herbarbelegen, Alkoholpräparaten und Holzproben aus den Kolonien zahlreiche Objekte mit direktem Kolonialbezug wie Kisten für den Pflanzenversand und Fotografien zu botanischen und landwirtschaftlichen Unternehmungen in den Tropen. Der Vortrag gibt einen Überblick über die Institutionen- und Sammlungsgeschichte der Berliner botanischen Einrichtungen und stellt erste Beispiele für die Provenienzforschung zu deren Sammlungen vor.

Die Veranstaltung findet aufgrund der Corona Pandemie als Videokonferenz statt. Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenfrei. Aufgrund der begrenzten Kapazität ist die Teilnahme jedoch nur nach vorheriger Anmeldung bis zum 2.10.2020 möglich.

Nach erfolgter Anmeldung erhalten die Teilnehmer/innen am Tag der Veranstaltung die Zugangsdaten Konferenz, welche mit dem Anbieter WebEx durchgeführt wird.

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