Abschlussbericht zum Projekt „Provenienzforschung zu Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten (China) in vier ostfriesischen Museen und Kultureinrichtungen“

Die Museumsfachstelle/Volkskunde des Kommunalverbandes Ostfriesische Landschaft hatte in einem Projekt die Provenienz von 511 Objekten, bei denen vermutet wurde, dass sie aus der ehemaligen deutschen Kolonie in China stammten, zu untersuchen. Diese Objekte befinden sich in vier ostfriesischen Museen und Kultureinrichtungen. Erforscht wurde die Herkunft von Objekten in den Sammlungen des Deutschen Sielhafenmuseums Carolinensiel, der Naturforschenden Gesellschaft zu Emden, des Ostfriesischen Teemuseums Norden und des Fehn- und Schiffahrtmuseums Westrhauderfehn. Das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte Projekt wird vom Netzwerk Provenienzforschung Niedersachsen unterstützt. Mit den Forschungen wurde Facts & Files Historisches Forschungsinstitut Berlin beauftragt.

Das Projekt hat am 1. Januar 2021 begonnen und ist am 31. Dezember 2021 abgeschlossen.

Zu Beginn des Projekts fand am 25. Februar 2021 eine öffentliche Auftaktveranstaltung in Kooperation mit dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste und dem Netzwerk für Provenienzforschung in Niedersachsen unter Beteiligung u.a. von Prof. Dr. Sun Lixin und Prof. Dr. Cord Eberspächer (online) statt. Das Projekt wurde auf der vom Pekinger Auslandsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Qingdao vom 16. bis 17. Juni 2021 veranstalteten Konferenz „Kulturelle und historische Bedeutung des frühen deutsch-chinesischen bilateralen Austausches im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert“ und am 22. Oktober 2021 auf der Konferenz „Historische Relikte und historisches Gedächtnis im Kontext der deutsch-chinesischen Beziehungen“ durch Dr. Hajo Frölich (online) vorgestellt.

Am 12. November 2021 fand die Abschlussveranstaltung in Kooperation mit dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste und dem Netzwerk für Provenienzforschung in Niedersachsen und unter Beteiligung von Prof. Dr. Sun Lixin, Prof. Dr. Cord Eberspächer, Stefanie Schmidt M.A., Beate Schreiber und Dr. Hajo Frölich (hybrid) statt. Siehe Bericht https://www.ostfriesischelandschaft.de/2815.html

Mit der Besetzung des Ortes Qingdao (Tsingtau) am Eingang der Bucht von Jiaozhou im November 1897 hatte das Deutsche Reich einen länger gehegten Plan zur Errichtung eines eigenen Stützpunkts für das Ostasiengeschwader der Kaiserlichen Marine sowie eines Handelsstützpunktes in die Tat umgesetzt. Im März des folgenden Jahres verpachtete die Regierung in Beijing gezwungenermaßen ein Gebiet von gut 500 Quadratkilometern für 99 Jahre an Deutschland.

In Qingdao waren zwischen 1.500 und 3.500 Soldaten des im Dezember 1897 eigens für die Besatzung der neuen Kolonie in Cuxhaven zusammengestellten III. Seebataillons stationiert, die rund drei Viertel der europäischen Bevölkerung in der Kolonie ausmachten. Im Unterschied zu den anderen, von der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes verwalteten Kolonien, bildeten die Marinesoldaten in Qingdao jedoch keine dauerhafte Kolonialarmee oder „Schutztruppe“, sondern wurden in der Regel alle zwei Jahre ausgetauscht. Doch auch jenseits des Militärs waren deutsche Seeleute, insbesondere Kapitäne und Steuermänner (als Heizer und Trimmer wurden Chinesen
bevorzugt), dauerhaft in China beschäftigt. Denn deutsche Reedereien spielten, neben britischen und chinesischen, mit ihren Dampfern eine wichtige Rolle im Waren- und Personenverkehr zwischen Hong Kong im Süden und Tianjin im Norden.

Der Alltag in Jiaozhou war – trotz eines Umschwungs hin zu mehr Kooperation gerade im Bildungswesen ab 1905 – durch ethnische Segregation bestimmt, für Chinesen und Europäer (sowie Japaner) gab es getrennte Rechtsordnungen, getrennte Stadtviertel, getrennte Toiletten. „Strafexpeditionen“ des III. Seebataillons mit dem Ziel der Durchsetzung des vertraglich konzessionierten Baus von Eisenbahnstrecken in den Jahren 1899 und 1900 trugen ebenso wie das aggressive Auftreten deutscher katholischer Missionare im Umland Jiaozhous maßgeblich zur Entstehung der Widerstandsbewegung der „Boxer“ (yihetuan oder „Kämpfer für Gerechtigkeit und Harmonie“) bei. Deren Niederschlagung 1900/1901 stellte nicht nur einen Höhepunkt der Demütigung Chinas durch die militärische Gewalt der europäischen Mächte, Japans und der USA dar. Das 1901 unterzeichnete Boxer-Protokoll beschleunigte durch immense Reparationszahlungen auch den Untergang des Chinesischen Kaiserreichs.

In den 1920er Jahren erlebte Qingdao, nominell Teil der Republik China, aber faktisch von Japan kontrolliert, wie das Unternehmertum in weiten Teilen Chinas auch, eine wirtschaftliche Blütezeit. An dem wachsenden Handel waren deutsche Kaufleute stark beteiligt. Zu diesem historischen Kontext, unter dem die Objekte in Qingdao entstanden, wurde im Projekt weiter in chinesischen und deutschen Archiven recherchiert.

Ursprünglich sollte die Zahl der zu untersuchenden Objekte 511 betragen. Durch Nachmeldungen erhöhte sich diese Zahl im Laufe des ersten Halbjahres 2021 auf 606 Objekte. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass ein Teil der Objekte aus mehreren Teilen besteht (z. B. Kanne und Deckel), die je einzeln inventarisiert sind. Außerdem konnten etwa 50 Objekte frühzeitig als nicht aus China oder Ostasien stammend identifiziert und folglich von der tiefergehenden Untersuchung ausgeschlossen werden.

Anhand der Museumsinventare, Objektdokumentation, Abbildungen und den bei der Autopsie erhobenen Provenienzmerkmalen wurden Vorbesitzer der Objekte ermittelt. Zu der Analyse gehörten auch die Identifikation, Transliteration und Übersetzung der gefundenen Marken, Punzen und sonstigen chinesischen und japanischen Beschriftungen.

Zu den Vorbesitzern selbst wurde in deutschen und chinesischen Archiven recherchiert. Zentrales Ziel dieser Recherchen war es, Bezüge der identifizierten Vorbesitzerinnen und Vorbesitzer oder deren Familien zu China festzustellen, insbesondere einen Aufenthalt dort nachweisen zu können, etwa als Soldat, ziviler Angestellter in Jiaozhou, als Teil einer Schiffsmannschaft, als Kaufmann oder in sonstiger Funktion. Im Bundesarchiv Militärarchiv Freiburg wurden insbesondere Akten aus dem Bestand des Reichsmarineamtes als Verwalter der Kolonie Tsingtau zu „Unruhen“ und „Wirren“ im Hinterland der Kolonie eingesehen, außerdem das Tagebuch eines im Boxerkrieg 1900/1901 eingesetzten Soldaten. Parallel identifizierte Facts & Files relevante Bestände im Niedersächsischen Staatsarchiv (Standorte Aurich, Oldenburg, Stade und Hannover), im Stadtarchiv Emden, im Sylter Archiv in Westerland und im Staatsarchiv Bremen zu einzelnen Vorbesitzern sowie zu namentlich genannten Porzellan- und Antiquitätenhändlern und stellte entsprechende Rechercheanfragen.

Insbesondere die weitergehende Auswertung des bereits genannten Bestandes des Reichsmarineamtes im Bundesarchiv Freiburg (267 Akten) führte zur Identifikation und weiteren Informationen zu Vorbesitzern.

Für die Vorbesitzer der Objekte der Naturforschenden Gesellschaft zu Emden von 1814 erwiesen sich die Ergebnisse früherer Recherchen durch Aiko Schmidt, M.A., Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Ostfriesischen Landesmuseums in Emden und stellvertretender Direktor der Naturforschenden Gesellschaft, als sehr hilfreich. Freundlicherweise stellte Herr Schmidt seine Ergebnisse Facts & Files zur Verfügung.

Prof. Dr. Cord Eberspächer (Hunan Normal University, Changsha, China) lieferte ebenfalls wichtige Anregungen und Hinweise. Diese betrafen nicht nur die Kontextforschung, sondern auch die konkreten Recherchen zu einzelnen Vorbesitzern. Hierzu stellte Prof. Eberspächer Facts & Files teils unveröffentlichte Manuskripte zur Verfügung.

Die Kuratorinnen der Wilhelmshavener Sonderausstellung „Tsingtau und Wilhelmshaven – Von Kolonie zu Kolonie“, Julia Heimlich und Stefanie Schmidt, gaben ebenfalls wertvolle Hinweise und Informationen zu Händlern und anderen Akteure des Kunst- und Souvenirhandels in Qingdao während der deutschen Besatzungszeit, die sie für die Ausstellungsrecherche ermittelt hatte.

Die Kooperation betraf im Wesentlichen die Begutachtung ausgewählter Objekte, Archivrecherchen, Literaturrecherchen und die Teilnahme an Veranstaltungen.

Aufgrund seiner eigenen Forschungserfahrung empfahl Sun Lixin für die Recherche nach Archivalien zu konkreten Vorbesitzern einerseits und zum Handel speziell in der Kolonie Jiaozhou andererseits – primär das Stadtarchiv Qingdao sowie das Zweite Historische Staatsarchiv in Nanjing. Die Kooperation mit Prof. Sun Lixin betraf im Wesentlichen die Begutachtung ausgewählter Objekte, Archivrecherchen, Literaturrecherchen und die Teilnahme an Veranstaltungen. Sun Lixin recherchierte im Stadtarchiv Qingdao und im Zweiten Historischen Staatsarchiv in Nanjing.

Bei 270, also knapp der Hälfte aller zu untersuchenden, Objekten wurde durch die Analyse der darauf befindlichen Marken festgestellt, dass diese nicht in China hergestellt worden waren. Davon sind 119 chinesisch oder asiatisch dekorierte Porzellane, vor allem Tassen, Untertassen und Teekannen. Viele davon wurden in Japan produziert, einige auch in Deutschland. Beispielsweise stammen acht Stücke aus der Fabrik Carl Hans Tuppack GmbH, Tiefenfurt, Schlesien, die ab 1927 bis zum Ende der Firma 1945 asiatische Motive als Marken verwendete. Die als in Japan produzierten Stücke wurden aufgrund ihres möglichen Erwerbs in China (oder auf dem Weg von/nach China) weiter untersucht. Die überwiegende Mehrheit der neu zugeschriebenen Objekte (233) befindet sich im Sielhafenmuseum Carolinensiel, während in den anderen Häusern nur jeweils etwa zehn Objekte betroffen sind.

Bei 43 Objekten konnte zudem die Datierung des Objektes korrigiert oder präzisiert werden – am eindrücklichsten vielleicht im Falle einer Seidenlampe, die bislang grob als „20. Jahrhundert“ verzeichnet war, offenbar jedoch zwischen 1952 und etwa 1956 in der Volksrepublik China hergestellt wurde. Anhaltspunkt hierfür ist die Beschriftung der augenscheinlich originalen Glühbirne. Die schon länger bestehende Glühbirnenfabrik hieß erst seit 1952 – wie aufgedruckt – Shanghai dengpao chang 上海燈泡厰. Zugleich ist der Name hier noch in Langzeichen geschrieben, die ab 1956 schrittweise durch Kurzzeichen ersetzt wurden.

Im Falle der tatsächlich in China hergestellten Porzellane erwiesen sich angebrachte Regierungs-Marken in den meisten Fällen und wenig überraschend als Nachahmungen, die für die Datierung allenfalls einen terminus post quem lieferten. Alle ermittelten 55 Marken wurden dokumentiert und anhand von Fachliteratur sowie unterschiedlichen, insbesondere chinesischen Quellen im Internet bestimmt.

Die Ausfuhr von Objekten aus China wird in den recherchierten Archivalien nicht dokumentiert. Wohl auch aufgrund der Tatsache, dass Ausfuhrbeschränkungen für Kulturgüter in China erst ab den 1920er Jahren wirksam wurden, sind entsprechende Unterlagen nicht überliefert.

Nicht näher untersucht wurden die chinesischen Porzellane aus den Wracks von Schiffen, die lange vor 1839 (dem Beginn des Ersten Opiumkrieges) gesunken waren und erst in den 1980er und 1990er Jahren geborgen wurden („Geldermalsen“ 1985, „Vung Tau“ 1990, „Diana“ 1994, „Tek Sing“ 1999). Die in den Wracks befindlichen Objekte waren überwiegend zum Export bestimmt.

Sechs der recherchierten Voreigentümer waren Angehörige des Militärs und aus diesem Grund in China, drei davon waren nachweislich in Qingdao stationiert. Von diesen drei Voreigentümern kamen 109 Objekte in die vier Sammlungen. Neun Voreigentümer waren Seeleute bzw. Kapitäne. Nachweislich in Qingdao war davon lediglich Jelleus Prahm, der 1914 in japanische Kriegsgefangenschaft geriet. Von diesem kamen 1963 drei Objekte über Heinrich Haake in das Museum in Westrhauderfehn, wovon sich noch eines in der Sammlung befindet. 155 Objekte sind damit als „Mitbringsel“ mit einer möglichen Erwerbung in Qingdao zu bezeichnen, auch wenn sie mitunter nicht in China produziert wurden, sondern aus Japan importiert worden waren.

23 Personen gaben Stücke an die Museen, ohne das für sie eine Beziehung zu Ostasien oder Qingdao ermittelbar war. Jedoch lebten alle in Ostfriesland oder waren dort geboren worden. Heinrich Roskam kaufte als Direktor des Fehn- und Schiffahrtsmuseum Sammlungsstücke an. Diese Ankäufe dienten auch dazu, die Beziehungen zu China und Ostasien allgemein in den Sammlungen des Museums zu illustrieren.

Ein unrechtmäßiger Erwerb im Sinne der Definition des „Leitfadens zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ und der „Empfehlungen zum Umgang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen“ des Deutschen Museumsbunds konnte in keinem Fall nachgewiesen werden.

Die relevanten Objekte werden online auf https://www.postcolonial-provenance-research.com (PAESE – Provenienzforschung in außereuropäischen Sammlungen und der Ethnologie in Niedersachsen) veröffentlicht.

Artikel-Informationen

17. Dezember 2021