Städtisches Museum Braunschweig

Steintorwall 14
38100 Braunschweig

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Leitung

Dr. Peter Joch

  • November 2012 bis November 2013 kurzfristig von der Arbeitsstelle für Provenienzforschung Berlin gefördertes Projekt „Erwerbungen für die Formsammlung der Stadt Braunschweig 1941-1944“ (vgl. https://www.kulturgutverluste.de/Content/03_Forschungsfoerderung/Projekt/Staedtisches-Museum-Braunschweig/Projekt1.html)
  • Juni 2014 bis September 2014 kurzfristig von der Arbeitsstelle für Provenienzforschung Berlin gefördertes Projekt „Erwerbungen der Stadt Braunschweig bei jüdischen/ „arisierten“ Kunsthandlungen in den besetzten Niederlanden und im besetzten Belgien 1941-1945″ (vgl. https://www.kulturgutverluste.de/Content/03_Forschungsfoerderung/Projekt/Staedtisches-Museum-Braunschweig/Projekt2.html): In seinem zweiten Provenienzforschungsprojekt ließ das Städtische Museum Braunschweig die Erwerbungen der Stadt Braunschweig bei jüdischen/„arisierten“ Kunsthandlungen in den besetzten Niederlanden 1941-1945 untersuchen. Einbezogen war zunächst auch ein belgisches Unternehmen, bei dem der begründete Verdacht bestand, dass es sich um eine jüdische Kunsthandlung gehandelt haben könnte. Der Verdacht bestätigte sich jedoch im Verlauf der Recherchen nicht. Insgesamt ging es in dem Provenienzforschungsprojekt um 29 Objekte von sechs Unternehmen: Jacob Stodel, Mozes Mogrobi, Keezer & Zoon, S. E. Mossel, alle Amsterdam, J. Moses, Den Haag, und Severin Frères, Brüssel. Als Ankäufer im Auftrag der Stadt Braunschweig trat Walter Dexel auf. Die erworbenen Objekte wurden Bestandteil der „Braunschweiger Formsammlung“, die sich heute im Städtischen Museum Braunschweig befindet. Übereinstimmend mit den Erfahrungen der niederländischen Restitutiecommissie (Restitutions Committee) zeigte sich während der Projektarbeit, wie schwierig die Bewertung in Fällen ist, in denen es um Kunsthändler als mögliche Vorbesitzer geht, also um Personen, deren Profession das Handeln, das Kaufen und Verkaufen war – auch in Zeiten der Verfolgung. Der Dualismus zwischen Recht und Moral tritt an dieser Stelle besonders deutlich zutage. Am Ende des Projekts war klar, dass eine eindeutige Zuordnung der bei jüdischen Kunsthändlern in den Niederlanden erworbenen Objekte aus dem Städtischen Museum Braunschweig auf der Grundlage der bisher erzielten Ergebnisse nicht möglich ist. Das offenbare Fehlen substanzieller Geschäftsunterlagen macht sich ebenso negativ bemerkbar, wie die weitgehende Unkenntnis der Geschäftsgebaren dieser Kunsthandlungen. So muss die Frage vorerst ungeklärt bleiben, ob die Objekte aus dem Warenbestand (oder Privatbesitz), also aus dem Eigentum, der Kunsthändler selbst stammen oder ob es sich um Kommissionsware handelt. Sollten die Objekte aus dem Eigentum der jüdischen Kunsthandlungen stammen, stellt sich im Sinne des Prioritätsprinzips die noch unbeantwortete Frage nach den – möglicherweise bedenklichen oder belasteten – Vorprovenienzen (bis 30. Januar 1933 bzw. 10. Mai 1940). Unabhängig davon bleibt festzuhalten, dass die jüdischen Kunsthändler die letzten bisher bekannten Vorbesitzer sind. Davon ausgehend und aufgrund des hohen Verfolgungsdrucks durch die antijüdischen Verordnungen der deutschen Besatzungsmacht in den Niederlanden, den damit verbundenen „Arisierungen“ („Wirtschaftsentjudungsverordnung“ vom 21. März 1941) und der daraus resultierenden Tatsache, dass die jüdischen Kunsthändler je nach Sachlage zumindest mittel- und langfristig nicht frei über den Verkaufserlös verfügen konnten („Liro-Verordnungen“ vom 8. August 1941/21. Mai 1942, Verwalter/Treuhänder, Liquidation, Flucht, Deportation), sind die Erwerbungen der Stadt Braunschweig bei jüdischen/„arisierten“ Kunsthandlungen in den besetzten Niederlanden 1941-1945 als solche in unterschiedlichen Abstufungen sehr wahrscheinlich als bedenklich bis belastet anzusehen – wobei grundsätzlich aber noch unterschiedlich hoher Erklärungs- und Recherchebedarf besteht.
  • Die Ergebnisse beider Projekte wurden in der Ausstellung „Konstruierte Welten. Walter Dexel 1890-1973“ (November 2014 bis Februar 2015) sowie im damit verbundenen Ausstellungskatalog thematisiert.
  • April 2016 bis März 2018: Gemeinsam mit dem Braunschweigischen Landesmuseum (BLM) und Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig (HAUM) langfristig von der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste gefördertes Projekt „Sammlertum in Braunschweig. Provenienz und Raubkunst seit 1933“ (vgl. https://www.kulturgutverluste.de/Content/03_Forschungsfoerderung/Projekt/Braunschweigisches-Landesmuseum/Projekt2.html): Die drei Museen planen für das Jahr 2019/20 eine Ausstellung zum Thema „Sammlertum in Braunschweig“. Im Vorfeld dieser Ausstellung untersuchen die Museen seit April 2016 in einem gemeinsamen langfristigen Provenienzforschungsprojekt ausgewählte Sammlungsbestände systematisch auf NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter. Die drei Museen knüpfen damit an insgesamt vier durch die Arbeitsstelle für Provenienzforschung/Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste in den Jahren von 2010 bis 2015 geförderte Kurzprojekte am BLM, HAUM und SMBS an. Das neue aufwendige und ambitionierte Provenienzforschungsprojekt trägt den Titel „Sammlertum in Braunschweig: Provenienz und Raubkunst seit 1933“ und gliedert sich in drei „Suchschnitte“. Beim ersten „Suchschnitt“ geht es um den 1946 auf alle drei Museen verteilten Nachlass des Braunschweiger Museumsdirektors Karl Steinacker (1872-1944) mit über 500 Objekten und mehreren tausend Grafiken. Bei Steinacker stellt sich die Frage, ob er Objekte von Juden und Freimaurern in seine Sammlung übernommen hat. Der zweite „Suchschnitt“ betrifft Erwerbungen des SMBS vor und nach 1945: fünf Gemälde von den bei Lost Art gelisteten Berliner Kunsthändlern Wolfgang Gurlitt (1888-1965) – ein Cousin Hildebrandt Gurlitts – und Wilhelm August Luz (1892-1959), 19 Objekte (darunter zwei Gemälde) des im Zusammenhang mit verdächtigten Objekten als „Zwischenhändler“ bezeichneten Hannoveraner Kunsthändlers Erich Pfeiffer (gest. 1965), 62 Münzen aus „jüdischen Vermögensabgaben“ von der Reichsbank Berlin und 260 Objekte aus der 1955 von der Stadt Braunschweig angekauften privaten Formsammlung Walter Dexels (1890-1973), dessen Erwerbungen für die städtische Braunschweiger Formsammlung bereits als z. T. problematisch angesehen werden mussten. Der dritte „Suchschnitt“ berührt sieben Grafiken und eine Plastik aus der 1933 erfolgten Schenkung der Braunschweiger Gesellschaft der Freunde Junger Kunst an das HAUM. Die Eigentumsverhältnisse der Gesellschaft, die sich 1933 vor dem Hintergrund der NS-„Machtergreifung“ selbst auflöste und mindestens ein jüdisches Mitglied hatte, sind ebenso unklar wie die Provenienz der Objekte. Ziel ist, die ausgewählten Erwerbungen mit unterschiedlichen Verdachtsmomenten auf NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter zu untersuchen und eine möglichst lückenlose Besitzer- bzw. Eigentümerchronologie der verdächtigen Objekte zu erstellen. Die Ergebnisse sollen publiziert werden. In der für 2019/20 von BLM, HAUM und SMBS an drei Orten geplanten gemeinsamen Ausstellung „Sammlertum in Braunschweig“ wird die Provenienzforschung präsentiert und dadurch einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht.
  • Ausst.-Kat. Walter Dexel 1890-1973, hrsg. von Cecilie Hollberg für das Städtische Museum Braunschweig, Dresden 2014
  • Pötzsch, Hansjörg: Ankäufe, Kunsthändler und Provenienzen. Aus den Provenienzrecherchen zur Braunschweiger Formsammlung, in: ebd., Dresden 2014, S. 13-18
  • Pötzsch, Hansjörg: Walter Dexel als Ankäufer 1941-1944. Zu den Erwerbungsumständen der Formsammlung des Städtischen Museums Braunschweig, in: Deutsches Zentrum Kulturgutverluste (Hrsg.): Provenienz & Forschung 1 (2016), S. 8-15