Kolonialzeitliche Sammlungen aus Indonesien in Niedersachsen. Eine deutsch-niederländisch-indonesische Verflechtungsgeschichte

Hannover, 30.10.2026 // Die Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste verlängert die Förderung des Verbundprojekts von acht niedersächsischen Museen und Sammlungen zur Erforschung kolonialer Bestände aus Indonesien. Das vom Netzwerk Provenienzforschung in Niedersachsen initiierte Projekt wird vom Museumsverband für Niedersachsen und Bremen e.V. und dem Netzwerk koordiniert.

Foto: Kerstin Schmidt, Landesmuseum Hannover

Gemeinsam mit dem Museumsverband für Niedersachsen und Bremen e.V. (MVNB) koordiniert das Netzwerk Provenienzforschung in Niedersachsen seit zwei Jahren das Projekt „Kolonialzeitliche Sammlungen aus Indonesien in Niedersachsen. Eine deutsch-niederländisch-indonesische Verflechtungsgeschichte“, welches dank der Förderung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste erstmals eine systematische Untersuchung indonesischer Sammlungen in Niedersachsen ermöglichte. Unter den Beständen, die zwischen 1830 und 1930 erworben wurden, befinden sich rund 1.450 ethnografische Objekte, 300 naturkundliche Präparate sowie sechs menschliche Überreste. Die am Projekt beteiligten Museen und Sammlungen umfassen das Landesmuseum Hannover, das Staatliche Naturhistorische Museum – 3Landesmuseen Braunschweig, das Städtische Museum Braunschweig, die Ethnologische Sammlung der Georg-August-Universität Göttingen, das Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim, das Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg, die Naturforschende Gesellschaft zu Emden von 1814 und das Ostfriesische Landesmuseum Emden.

In den letzten zwei Jahren konnten die Biografien von 51 männlichen Sammlern, die mit den Beständen in Verbindung stehen, teilweise rekonstruiert werden. Darunter befinden sich Wissenschaftler, Ärzte, Missionare, Kaufleute und Kolonialbeamte, deren Tätigkeiten sich über den gesamten indonesischen Archipel erstreckten. Ihre Lebenswege machen deutlich, wie eng deutsche Akteure mit den wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kolonialen Netzwerken in Niederländisch-Indien verbunden waren. Die bisherigen Ergebnisse zeigen, wie menschliche Überreste und Objekte rituellen oder wissenschaftlichen Wissens aus ihren ursprünglichen Kontexten gelöst, in europäische Klassifikationssysteme eingeordnet und innerhalb imperialer Systeme von Wissen und Prestige zirkuliert wurden. So konnten etwa Fehlzuordnungen identifiziert werden, welche verdeutlichen, wie koloniale Hierarchien epistemische Autorität und Sammlungspraxis formten.

Ein wesentlicher Bestandteil der bisherigen Projektarbeit ist die enge Zusammenarbeit mit indonesischen und niederländischen Partnern, um die kolonialen Asymmetrien aufzuarbeiten und gemeinsame Ansätze im Umgang mit sensiblen Beständen, darunter menschliche Überreste, zu entwickeln. Der Austausch ermöglicht es, historische Sammlungsdokumentationen mit Perspektiven und Kenntnissen aus Indonesien in Beziehung zu setzen. Damit möchte das Projekt zu einem transparenten und dekolonialen Verständnis des indonesischen kulturellen und naturkundlichen Erbes in den Museen Niedersachsens beitragen.
In diesem Rahmen fand am 9. und 10. Juni 2026 die internationale Konferenz „Pasang Surut – Provenienzforschung als Beitrag zur Dekolonisierung und Wege der Restitution“ am Niedersächsischen Landesmuseum Hannover statt. Die Konferenz brachte internationale Wissenschaftler*innen, Museumsfachleute sowie Vertreter*innen kultureller Einrichtungen und staatlicher Institutionen zusammen, um aktuelle Perspektiven auf Provenienzforschung, Dekolonisierung und Restitution zu diskutieren.

Im dritten und finalen Projektjahr wird dieser partizipative Ansatz von Provenienzforschung mit Partnern in Indonesien und den Niederlanden fortgeführt und vertieft, um auf der Grundlage einer geteilten Expertise, wechselseitigen Lernens und gemeinsamer Verantwortung Wege im Umgang mit menschlichen Überresten sowie ethnologischen und naturkundlichen Objekten aus kolonialen Kontexten zu erarbeiten. Zugleich sollen offene Fragen zu den Erwerbungsgeschichten weiter untersucht und die Forschungsergebnisse für den internationalen Austausch besser zugänglich gemacht werden.

Gefördert vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste

In Kooperation mit dem Museumsverband für Niedersachsen und Bremen e.V.

Artikel-Informationen

30. Oktober 2026